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wir haben antwort erhalten und stellen euch diese zum lesen zur verfügung. uns ist aufgefallen, dass sich die nette dame hauptsächlich auf den europäischen igel bezieht und auf unsere schilderungen so gut wie gar nicht eingegangen ist, uns stattdessen nochmal auf diesen "hilfreichen" beitrag der mitarbeiter von proigel verweist, die sich damals (entschuldigung) recht dämlich bei der pflege anstellten.
liebe grüße und viel spaß beim lesen
Sehr geehrte Frau Müller-Sauck,
ich nehme Bezug auf Ihre obige E-Mail, die ich mit Interesse gelesen habe. Auf-grund meiner kontinuierlich hohen Arbeitsbelastung hat sich die Erledigung der Korrespondenz leider etwas verzögert, wofür ich um Ihr Verständnis bitte. Dennoch möchte ich es nicht versäumen, unsere Sicht der Dinge zu den von Ihnen geschilderten Sachverhalten darzulegen. Einige Ihrer Argumente klingen überzeugend, von anderen möchten wir uns hingegen distanzieren.
Unsere Vereinssatzung sieht ausdrücklich vor, dass wir uns nur für den ein-heimischen Igel engagieren und lässt es daher nicht zu, uns zusätzlich für exotische Igel einzusetzen, deren Haltung als Heimtiere oder im Zoohandel regelmäßig Anlass zur Beanstandung ergibt. Der Verein der Igelfreunde Stuttgart und Umgebung e.V. lehnt aufgrund seiner Erfahrungen die Haltung exotischer Igel in Gefangenschaft ausdrücklich ab. Aufgrund meiner 20-jährigen Tätigkeit in der erfolgreichen Behandlung von einheimischen Igeln und der zu-sätzlichen Ausbildung der Betreiber von 11 Igelstationen, um der sich ständig verschärfenden Pflegesituation überhaupt gerecht werden zu können, ergaben sich diese Erfahrungen, die ich auf der Homepage des Vereins publiziere. Deren Inhalte werden ständig aktualisiert, um einen hohen Informationsstandard zu gewährleisten, was die kontinuierliche Zunahme der Nutzer eindrucksvoll belegt. Dabei ist keinesfalls beabsichtigt, einseitig zu beeinflussen, sondern das hohe Maß an Erfahrung des Vereins möglichst gewinnbringend für den Erhalt des ein- heimischen Igels an die breite Öffentlichkeit weiterzugeben. Damit dient unser Verein nachweislich seit 20 Jahren gesetzeskonform dem Erhalt des einhei-mischen Igels und seiner arteigenen Lebensräume und sieht ihn keinesfalls als Heimtier in menschlichen Räumlichkeiten an, in die er Dank seiner natürlichen Überlebensfähigkeit auch nicht gehört. Der Igel bleibt ein Wildtier und Personen, die sich seinem Erhalt widmen, erkennen seine artspezifischen Bedürf-nisse und handeln entsprechend. Dabei wird der Igel nicht zum Streicheltier degradiert, vielmehr erlaubt er uns, während der über den Winter angebotenen Überlebenshilfe, wenn er als Insektenfresser keine Nahrung findet, über ihn zu lernen, um ihn im kommenden Frühjahr mit für ihn deutlich besseren Überlebenschancen wieder auswildern zu können. Wir gewähren also eine gesetzlich erlaubte Hilfe auf Zeit, keinesfalls die Züchtung eines Wildtieres in unseren eigenen Räumlichkeiten auf Dauer. Geographische Bedingungen führten dazu, dass exotische Igel an ganz andere Klimabedingungen adaptiert sind, die sich hier nur durch den Einsatz entsprechender Technik nachahmen lassen. Der Sinn besteht jedoch nicht darin, derart angepasste Tiere in unserer, für sie artfremden Umgebung zu halten und sie noch zu vermehren.
Das bei exotischen Igeln reduzierte oder völlig fehlende Pigment an Stacheln und Fell hebt seine Tarnung völlig auf, ein immenser Nachteil in der Natur, denn entsprechende Tiere werden zwangsläufig zur leichten Beute. Fehlendes Pigment der Retina erhöht die Empfindlichkeit der dahinter liegenden Aderhaut und ver-ursacht bei vermehrtem Lichteinfall entsprechende Irritationen und sogar Schmerzen. Erkrankungen des Auges sind bereits vorprogrammiert. Bitte infor-mieren Sie sich diesbezüglich auch anhand der im Internet verfügbaren Disser-tation von Frau Dr. Frauke Grastorf über Untersuchungen am Auge von erkrank-ten und gesunden Igeln. Wenn Sie exotische Igel züchten, betreiben Sie gewollt oder ungewollt eine Selektion, die der von Charles Darwin proklamierten genau konträr gerichtet ist. In der Natur dem „Lebenstauglichsten“ das Überleben und die Fortpflanzung sichernd, adaptieren Sie ein nach dem Bundes-naturschutzgesetz geschütztes Wildtier an eine für ihn widernatürliche Umwelt in Gestalt der menschlichen Wohnung.
In diesem Zusammenhang bitten wir auch darum, das Tierschutzgesetz in seiner aktuellen form zu beachten. Das Tier wird nicht mehr als Gegenstand oder Sache gesehen, ein immenser Fortschritt gegenüber alt hergebrachtem Denken. Zudem ist es artgerecht unterzubringen und darf auch sonst keinen Ein- schränkungen seiner natürlichen Lebensbedingungen unterliegen. Ob gezüchtete Igel mit den ursprünglichen Genen eines Wildtieres dabei auf Dauer artgerecht gehalten werden können, ist zweifelhaft. Aus der Literatur ist bekannt, dass Konrad Herter einheimische Igel für kurze Zeiträume in seiner Wohnung beherbergte, um ihre arteigenen Verhaltensweisen zu studieren. Die daraus ge-wonnenen Ergebnisse besitzen hohen Wert und nachhaltige Gültigkeit. Im Hinblick auf die von Ihnen durch gezielte Anpaarung erreichen Zuchterfolge sollten Sie bitte unbedingt den natürlichen Bedürfnissen frei lebender Igel in einer artgerechten Umwelt Respekt zollen. Sie werden dann sicherlich sehr schnell feststellen, das der Igel während seiner Evolution sehr gut ohne den Menschen, wenn nicht sogar besser, auskam. Erst durch den Menschen neu hinzugekommene Gefahren dezimieren heute seine Population und erschweren sein Überleben. Anlässlich des Darwinjahres veranstalten zahlreiche Museen in ganz Deutschland Sonderausstellungen zur Thematik der Evolution. Dies bietet eine einmalige Gelegenheit für jeden Interessieren, die bis heute bestätigten wesentlichen Merkmale der Evolution noch einmal zu erleben und zu erlernen. Es würde außerdem verdeutlichen, unter welchen Bedingungen der heimische Igel sich zu dem entwickelt hat, was er heute darstellt.
Abschließend möchte ich unbedingt noch auf den ebenfalls im Internet ver- fügbaren Erfahrungsbericht von Dr. Ditte und Giovanni Bandini verweisen, der sich umfangreich mit der Problematik exotischer Igel beschäftigt. Nach Kenntnis der Inhalte dieses Schreibens sind Sie vielleicht noch zusätzlich daran interessiert, welchen Beitrag Sie für unsere heimische Fauna leisten können. Möglichkeiten ergeben sich genug, zudem verfügt Berlin über ausgezeichnete Igelstationen, die Ihnen jederzeit gerne Anleitungen geben werden. Es lohnt sich immer, sich mit Sachverstand und dem gebotenen Elan für die heimische Fauna einzusetzen.
In der Hoffnung, Ihnen mit den geschilderten Informationen weitergeholfen zu haben, verbleibe ich
mit freundlichem Gruß
1. Vorsitzende
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